„Es beginnt schon beim Bewerbungsprozess“, zeigt Silvana Weiss auf. Wann wird ausgeschrieben? Wie lange läuft die Frist? Wann wird zum Vorstellungsgespräch eingeladen? „Hat eine Person Betreuungspflichten oder wird krank, kann das jemanden ausschließen. Obwohl formal für alle Interessent:innen dieselben Bedingungen gelten“, schildert die Wissenschaftlerin am Institut für Personalpolitik der Uni Graz. Zeitliche Mechanismen bestimmen den gesamten weiteren Job-Alltag. Das größere Augenmerk auf Work-Life-Balance sowie der zunehmende Einsatz von KI verändern zusätzlich die Sichtweise auf das Thema.
Strukturen, Prozesse und Kultur
Weiss macht die Bedeutung des Faktors Zeit an einigen Fragen fest: „Wie lange wird gearbeitet? In welchem Tempo? Zu welcher Uhrzeit werden Meetings angesetzt? Entscheidend ist, wer kann diese Anforderungen erfüllen und wer wird dadurch benachteiligt oder auch begünstigt?“
Antworten darauf will die Sozialwissenschaftlerin mit Hilfe von Fallstudien in unterschiedlichen Berufsfeldern, darunter die IT- und Softwarebranche sowie der Gesundheits- und Pflegesektor, erhalten. Zusätzlich begleitet sie berufliche Verläufe in wiederholten Interviews und analysiert europäische Arbeitsmarktdaten.
Dabei nimmt Weiss drei eng miteinander verbundene Bereiche in ihren Blick: Zum einen untersucht sie formale Strukturen – etwa Arbeitszeitmodelle, Hierarchien, Stellenprofile und Karrierewege.
Zweitens betrachtet sie Prozesse und Personalpraktiken. „Ich werde mir beispielsweise Auswahlverfahren und Weiterbildungsmaßnahmen anschauen“, beschreibt Weiss. Dazu gehören die Dienst- und Meetingplanung, Leistungsbeurteilungen oder Beförderungen.
Drittens fragt sie nach der Arbeitskultur: Welche Formen von Arbeitszeit, Tempo und Verfügbarkeit gelten als „normal“ und werden mit Engagement oder Erfolg verbunden? Die Forscherin erklärt dazu: „Lange Arbeitszeiten gelten in manchen Organisationen als Zeichen von Einsatz. Wer flexible Möglichkeiten nutzt oder stärker auf die Vereinbarkeit mit dem Privatleben achtet, läuft mitunter Gefahr, als beruflich weniger motiviert zu gelten.“ Entscheidend ist für Weiss, wie diese drei Ebenen zusammenspielen: „Flexible Modelle können etwa wenig bewirken, wenn lange Anwesenheit zugleich als Voraussetzung für berufliches Vorankommen gilt.“
Chancenfairness
Chancenfairness bedeutet für die Forscherin keineswegs, dass für alle immer und überall dieselben Arbeitsbedingungen geschaffen werden können. Es geht der Forscherin vielmehr darum, das Bewusstsein für den oft unbemerkten Einfluss von Zeit zu schärfen. Die Erkenntnisse sollen dazu beitragen, Gestaltungsspielräume sowohl für Beschäftigte als auch Unternehmen sichtbar zu machen. „Selbst wenn eine zeitliche Anforderung nicht verändert werden kann, ist es wichtig zu erkennen, wen sie möglicherweise benachteiligt oder ausschließt“, betont Silvana Weiss. Dieses Wissen könne zu transparenteren und besser begründeten Entscheidungen beitragen.
Zur Person
Silvana Weiss hat in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften promoviert und ist auch Psychologin. In ihrer Forschung untersucht sie, wie Organisationen soziale Ungleichheiten prägen. Ihre interdisziplinäre Arbeit verbindet Perspektiven aus Psychologie, Soziologie, Organisations- und Personalforschung sowie Gender- und Diversitätsforschung. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen inklusive Praktiken in Organisationen, die Arbeitsmarktintegration von Migrant:innen und Geflüchteten, das Zusammenspiel von Berufs- und Privatleben – insbesondere der Umgang mit den Grenzen zwischen beiden Bereichen – sowie Arbeitsbedingungen und Karriereverläufe in der Wissenschaft.